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    Der Altersunterschied - Dies ist die Geschichte von Marius und Gloria.

    Marius ist sechzehn, als er Gloria kennen lernt. Sie betreibt eine Näherei in der niederrheinischen Kleinstadt, in der er mit seinen Eltern lebt. Gloria ist lebenslustig, sie raucht, sie kleidet sich nach der neuesten Mode, sie gibt Partys in ihrem Haus, auf denen wild getanzt wird. Und sie hat einen schlechten Ruf. Denn sie ist geschieden, was zur damaligen Zeit noch ein Makel ist. Einer, der sich sowieso nie wieder gutmachen lässt.

    Gloria war wunderschön, sagt Marius. Du hättest sie damals sehen sollen! Sie ist immer noch bildschön, sage ich, denn ich habe sie kurz kennen gelernt.

    Sie war die erste Frau, mit der Marius geschlafen hat. Davor gab es nur zwei schüchterne Versuche mit schüchternen Mädchen. Aber es sei nicht allein die Erotik gewesen, die ihn zu ihr gezogen habe. Er habe von Anfang an gespürt, dass Gloria und er füreinander bestimmt waren, sagt er schlicht.

    Marius’ Mutter sieht das anders. Der Krieg hat ihr schon den Mann genommen, jetzt hat sie nur noch den Sohn. Als sie herausfindet, wo er seine Nächte verbringt, marschiert sie zu Gloria und beschimpft sie als Hexe. Jawohl, verhext habe sie ihren Jungen! Wenn Gloria ihn noch einmal trifft, wird sie wegen Verführung Minderjähriger angezeigt! Gloria hat Angst vor dem Gefängnis. Sie trennt sich von Marius. Doch der Junge lässt nicht locker. Nun schleicht er sich heimlich zu ihr, nachts, wenn im Dorf alle schlafen, klettert er über Zäune und Hecken. Marius will mit Gloria durchbrennen, in die Großstadt, damit sie zusammenleben können. Aber Gloria winkt lächelnd ab. Sie rechnet damit, dass er irgendwann ein Mädchen passenden Alters findet, mit dem er eine Familie gründen kann. Aber Marius sagt, er will keine andere. Nie! Gloria geht trotzdem nicht mit ihm fort. Wir würden auch in der Großstadt nicht unbehelligt leben können, sagt sie.

    Am Morgen seines 21. Geburtstags zieht Marius bei Gloria ein. Die Mutter verkündet, dass sie nun keinen Sohn mehr hat. Das Getuschel und die Blicke der Frauen sind so unerträglich wie die Angebote ihrer Männer, es Gloria einmal 'richtig' zu besorgen. Steine werden nachts in Fenster geworfen, umwickelt mit Papier, auf dem oft nur ein Wort steht. Hexe. Hure. Kinderschänderin.

    Gloria verkauft die Näherei und zieht mit Marius in die Großstadt. Meist werden sie für Mutter und Sohn gehalten. Sobald jemand bemerkt, dass sie ein Paar sind, treffen sie auf Unverständnis. Sie werden angegriffen, als pervers ausgelacht. Einmal wird Gloria von einer Nachbarin angespuckt.

    Unser Leben war ein Spießrutenlauf, sagt Marius. Heute würden viele allenfalls noch die Brauen heben, wenn der Alterunterschied so groß ist wie bei uns. Aber damals war es ein Skandal. Jeder hat sich den Mund über uns zerrissen.

    Und du hast deine Entscheidung nie bereut?, frage ich. Kann man Liebe bereuen?, fragt Marius zurück, und ich spüre, wie ich rot werde. Das einzige, was er bedauert sei, keine Kinder mit Gloria bekommen zu haben. Dazu habe sie sich damals schon zu alt gefühlt. Heute bekommen Frauen mit 43 noch Kinder, sage er. Damals nicht. Aber Kinder haben uns nie wirklich gefehlt. Wir waren uns selbst genug, waren kaum einen Tag im Leben getrennt. Unser Glück war auch ohne Kinder vollkommen.

    Gab es nie andere Frauen für dich?, frage ich. Nur eine war noch wichtig, sagt er, als ich vierzig war. Fünf Jahre lang hatte er eine Beziehung zu einer jüngeren Frau. Gloria hat es toleriert, unter Tränen zwar und mit Zähneknirschen, aber sie hat ihn gelassen. Weil sie mich liebt, sagt Marius. Und weil sie weiß, dass ich sie nie verlassen würde. Nie.

    Wir sitzen auf dem Flur der Klinik, als er mir seine Geschichte erzählt. Gloria, die mehrere Bypässe braucht, wird noch operiert. Das Risiko ist groß. Sie ist inzwischen achtundachtzig. Zuletzt war sie so leicht und schwach, dass Marius sie nur noch getragen hat. Er ist ein imposanter Mann, groß und breitschultrig. Sein volles Haar ist noch dunkel, nur von feinen Silberfäden durchzogen. Er sieht gut aus, viel jünger als sechsundsechzig. Zwei Frauen, die vorübergehen, werfen ihm interessierte Blicke zu. Marius nimmt keine von beiden wahr.

    Dann endlich kommt ein Arzt aus dem OP. Ihre Frau liegt jetzt auf Intensiv, sagt er zu Marius, zupft hilflos an seinem Mundschutz, zieht die Schultern hoch. Wir können noch nichts sagen.

    Marius sackt zusammen, kaum dass der Arzt fort ist. Wenn Gloria stirbt, murmelt er, dann will ich auch nicht mehr leben.

    So, wie er es sagt, glaube ich ihm.

    Quelle: RP Online Verlagsgesellschaft, (c) 20.04.2006, aha!, Originalversion